Der fragile Frieden im Norden Äthiopiens ist in erneute Gewalt umgeschlagen, nachdem die Tigray Peoples' Liberation Front (Volksbefreiungsfront von Tigray, TPLF) Berichten zufolge eine groß angelegte Offensive gestartet hat, bei der sie die Kontrolle über wichtige Infrastruktur übernommen hat und damit Befürchtungen vor einer möglichen Wiederaufnahme eines umfassenden Bürgerkriegs schürt. Die bewaffnete Gruppe soll an mehreren Orten in heftige Kämpfe mit den Streitkräften der äthiopischen Bundesregierung verwickelt sein.
Analysten zufolge brachen am Mittwoch nach monatelangen zunehmenden Spannungen umfassende Feindseligkeiten zwischen der TPLF und den Amhara-Fano-Milizen auf der einen Seite und der äthiopischen Bundesregierung sowie verbündeten tigrayischen Kräften auf der anderen Seite aus. Berichten zufolge weitet sich der Konflikt über die Grenzen von Tigray hinaus aus, wobei TPLF-Kräfte mutmaßlich Angriffe in den Nachbarregionen Afar und Amhara gestartet haben.
Beschlagnahmung von Infrastruktur und Kommunikationsausfall
Obwohl die äthiopische Regierung versucht hat, durch Drohnenangriffe und Bodenoperationen die Kontrolle aufrechtzuerhalten, hat die TPLF drei Flughäfen von den Bundeskräften übernommen, darunter die in Mekelle, Axum und Shire. Die Eskalation der Feindseligkeiten hat zu Panikkäufen geführt, und es gibt Berichte über sich ausweitende, intensivierte Kämpfe, die auch auf benachbarte Regionen übergreifen.
Am Freitag berichteten mehrere Medien, dass die Kommunikationsdienste in Tigray unterbrochen worden seien. Auch Hilfsorganisationen meldeten erhebliche Störungen bei Telefon- und Internetdiensten in Tigray, was die humanitären Einsätze behindert.
Der Bevölkerung droht eine Wiederholung des Kommunikationsausfalls während des Bürgerkriegs 2020–2022 im Norden Äthiopiens, als Tigray weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten war.
Die Eskalation dieser Woche folgt auf die Ankündigung vom Sonntag, in der die TPLF eine Allianz mit sechs weiteren bewaffneten Gruppen bekannt gegeben hatte, darunter die Fano-Miliz aus der Region Amhara und die Oromo Liberation Army (OLA), mit dem erklärten Ziel, die Bundesregierung von Premierminister Abiy Ahmed zu stürzen.
Diese Entwicklungen beenden faktisch das Pretoria-Friedensabkommen von 2022, das zuvor auf eine Stabilisierung der Region abgezielt hatte.
Der plötzliche Ausbruch von Gewalt hat Schockwellen durch die Bevölkerung von Tigray gesandt, die noch immer unter den Folgen des brutalen Bürgerkriegs leidet, der erst vor vier Jahren endete. Der damalige Konflikt, der in einem Machtkampf zwischen der Regional- und der Bundesregierung begründet lag, forderte Schätzungen zufolge mehr las 600.000 Todesopfer und brachte die Region an den Rand einer Hungersnot.
Damit gehörte der Krieg in der Region Tigray zu den tödlichsten Konflikten des 21. Jahrhunderts. Obwohl das Friedensabkommen von 2022 darauf abzielte, politische Spannungen zu lösen, wurden zentrale Bestimmungen – darunter die Entwaffnung der Streitkräfte von Tigray und die Rückkehr von Hunderttausenden Vertriebenen – nie vollständig umgesetzt.
Befürchtungen vor regionalen Ausweitungen
Politische Analysten warnen davor, dass die aktuelle Eskalation rasch zu einer umfassenderen regionalen Konfliktlage führen könnte. Es wächst die Sorge, dass die Kämpfe Eritrea mit hineinziehen und auf Nachbarländer übergreifen könnten, was das ohnehin schon krisengeschüttelte Horn von Afrika weiter destabilisieren würde.
Weitere Spannungen bestehen an anderen Orten in Äthiopien, darunter Zusammenstöße zwischen Regierungstruppen und der Fano-Miliz in der Region Amhara.
Hilfsmaßnahmen im Norden, insbesondere in Teilen von Amhara, waren aufgrund der unsicheren Lage bereits erheblichen Einschränkungen ausgesetzt, darunter die Beschlagnahmung humanitärer Fahrzeuge und anderer Güter durch bewaffnete Akteure.
Unterdessen führen die fortdauernden Feindseligkeiten im Westen von Oromia weiterhin zur Vertreibung von Zivilisten und behindern humanitäre Einsätze.
Humanitäre Auswirkungen
Die allgemeine humanitäre Lage in mehreren Regionen Äthiopiens ist nach wie vor kritisch. Trotz einiger Sicherheitsverbesserungen in den letzten vier Jahren waren vor Beginn der erneuten Kämpfe noch immer etwa 1,9 Millionen Menschen aufgrund von Konflikten, Unsicherheit und klimabedingten Krisen von Vertreibung betroffen.
Jahrelange Dürre und anhaltende Gewalt haben dazu geführt, dass Millionen Menschen ohne ausreichende Nahrungsmittelversorgung sind. Äthiopien sieht sich zudem mit einem massiven Zustrom von Flüchtlingen konfrontiert und beherbergt derzeit über 1,1 Millionen Menschen, die meisten davon stammen aus dem Südsudan, Somalia, Eritrea und dem Sudan. Über 97.000 dieser Menschen sind seit April 2023 aus dem Sudan eingetroffen.
Am Freitag warnte das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), dass die Eskalation des Konflikts im Norden Äthiopiens die ohnehin schon erhebliche humanitäre Krise verschlimmern könnte, auch für diejenigen, die durch den früheren Konflikt in Tigray vertrieben wurden.
Das humanitäre Büro wies darauf hin, dass das betroffene Gebiet zudem unter unterdurchschnittlichen Niederschlägen leidet, die mit dem anhaltenden El-Niño-Phänomen zusammenhängen.
Die Vereinten Nationen und ihre Partner setzen derzeit ihre regulären humanitären Einsätze in Tigray, Amhara und Afar fort, sofern die Sicherheitslage dies zulässt. Sie bewerten den sich abzeichnenden Bedarf und entwickeln Pläne, um den von den Kämpfen Betroffenen zu helfen. Die unsichere Lage beeinträchtigt diese Einsätze jedoch bereits.
Am Sonntag traf ein Drohnenangriff im Nordwesten von Tigray einen Lastwagen, der lebenswichtige Nahrungsmittelhilfe für Binnenvertriebene transportierte. Derweil haben Straßensperren in einigen Gebieten geplante Transporte unterbrochen oder verhindert.
„Alle Parteien müssen einen sicheren und ungehinderten Zugang für humanitäre Partner gewährleisten, damit diese die Notleidenden erreichen können. Humanitäre Helfer müssen zu jeder Zeit geschützt werden“, betonte OCHA.
Als Reaktion auf die sich verschlechternde Sicherheitslage gab der Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres am Mittwoch eine Erklärung ab, in der dieser seine „tiefe Besorgnis“ über die Lage zum Ausdruck brachte.
In der Erklärung hob Guterres die „Eroberung und Besetzung der drei Flughäfen von Mekelle, Axum und Shire“ sowie „Berichte über verschärfte Kämpfe in und um Tigray und die Ausweitung der Feindseligkeiten auf benachbarte Gebiete“ hervor.
Er forderte alle Parteien auf, „größtmögliche Zurückhaltung zu üben, die Spannungen unverzüglich abzubauen, die Zivilbevölkerung zu schützen, humanitären Partnern einen sicheren und ungehinderten Zugang zu den Notleidenden zu gewährleisten und Maßnahmen zu vermeiden, die zu einem umfassenderen und verheerenderen Konflikt führen könnten“.
Über seinen Sprecher bekräftigte der Generalsekretär zudem erneut seine Unterstützung für die Bemühungen der Afrikanischen Union, einschließlich des Engagements des ehemaligen nigerianischen Präsidenten Olusegun Obasanjo, die Konfliktparteien im Rahmen des Pretoria-Abkommens wieder zu Verhandlungen in gutem Glauben zu bewegen.
Am Freitag betonten Analysten der International Crisis Group (ICG), dass es „noch nicht zu spät ist, eine Rückkehr zu einem kostspieligen, blutigen Krieg abzuwenden“, und warnten gleichzietig vor den „potenziell fürchterlichen“ humanitären Folgen eines neuen umfassenden Konflikts in Äthiopien.