Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) fordert die Regierungen der Welt nachdrücklich auf, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um Millionen von Flüchtlingen und anderen Vertriebenen zu schützen, die zunehmend den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels ausgesetzt sind. Im Vorfeld der UN-Klimakonferenz (COP31) in Antalya, Türkei, warnt die Organisation, dass die Klimafinanzierung viele der am stärksten gefährdeten Gemeinschaften nicht erreicht.
Laut dem am Freitag veröffentlichten neuesten Bericht des UNHCR leben fast 90 Millionen gewaltsam Vertriebene – drei von vier weltweit – in Ländern, die in hohem bis extremem Maße klimabedingten Gefahren ausgesetzt sind, darunter schwere Dürren, tödliche Überschwemmungen und extreme Hitze.
Die UN-Organisation stellte fest, dass viele bereits vor Konflikten, Gewalt und Verfolgung geflohen sind, nur um sich an Orten, an denen Ressourcen und Möglichkeiten zur Anpassung stark begrenzt sind, einer weiteren lebensbedrohlichen Krise gegenüberzusehen.
„Flüchtlinge sind einer doppelten Ungerechtigkeit ausgesetzt. Gezwungen, vor Konflikten zu fliehen, die sie nicht verursacht haben, stehen sie nun an vorderster Front einer Klimakrise, zu der sie am wenigsten beigetragen haben“, sagte Antón Leis García, stellvertretender Hochkommissar für Operationen beim UNHCR.
„Für Millionen Menschen ist der Klimawandel keine ferne Bedrohung. Er zerstört Unterkünfte, untergräbt Lebensgrundlagen und gefährdet ihre Hoffnungen auf einen Neuanfang. Wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen, die bereits so viel verloren haben, bei den globalen Klimaschutzmaßnahmen zurückgelassen werden.“
Der UNHCR-Bericht stellt die Erfahrungen von acht Vertretern vertriebener Gemeinschaften im Epizentrum der Klimakrise in den Mittelpunkt und schildert aus menschlicher Perspektive die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vertreibung. Im Fokus stehen die Widerstandsfähigkeit und die Lösungsansätze der vertriebenen Gemeinschaften sowie die Bedeutung, ihre Stimmen in klimapolitische Entscheidungen einzubeziehen.
Klimawandel gefährdet langfristige Lösungen für Vertriebene
Der Klimawandel gefährdet zudem in zunehmendem Maße die Aussicht auf dauerhafte Lösungen für Vertriebene. In der ersten Hälfte des Jahres 2026 kehrten mehr als zwei von drei Flüchtlingen in Länder zurück, die besonders anfällig für Klimagefahren sind, was Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit ihrer Rückkehr aufkommen lässt.
In Syrien beispielsweise sind kürzlich fast 4 Millionen Vertriebene zurückgekehrt, doch sinkende Grundwasserspiegel und schwere Klimaschocks bedrohen ihre Fortschritte. Im Mai 2026 beschädigten Überschwemmungen entlang des Euphrat Häuser und führten erneut zur Vertreibung von Tausenden von Menschen.
Extreme Hitze ist eine weitere wachsende Bedrohung. Bis 2050 könnte jede dritte Flüchtlingssiedlung in Subsahara-Afrika jährlich mit mindestens 100 Tagen gefährlicher Hitze konfrontiert sein. Mehr als die Hälfte aller untersuchten Standorte könnte jährlich mindestens 50 zusätzliche Tage mit gefährlicher Hitze erleben.
In einigen äthiopischen Siedlungen beuspielsweise könnte gefährliche Hitze über 200 Tage im Jahr anhalten. Dies stellt ein wachsendes Risiko für die Gesundheit, die Lebensgrundlagen und die Fähigkeit der Vertriebenen dar, an den Orten zu bleiben, an denen sie Zuflucht gesucht haben.
Unterdessen haben klimabezogene extrme Wetterereignisse in den vergangenen zehn Jahren weltweit mehr als 255 Millionen Binnenvertreibungen ausgelöst – das entspricht etwa 70.000 pro Tag.
El Niño könnte in Ostafrika bis zu drei Millionen Menschen vertreiben.
Je nach Schwere der Überschwemmungen deuten Prognosen darauf hin, dass schwere Überschwemmungen im Zusammenhang mit einem sehr starken El Niño bis Ende 2026 bis zu 3 Millionen Menschen in Somalia, Kenia, im Südsudan und in Uganda vertreiben könnten. Die Region hat bereits verheerende Überschwemmungen erlebt, durch die allein im Jahr 2023 mehr als 2 Millionen Menschen vertrieben wurden, darunter Familien, die bereits mehrfach fliehen mussten.
Der Bericht unterstreicht zudem, wie der Klimawandel die bestehenden Gefährdungen für Menschen ohne rechtlichen Schutz verschärft. Fast 90 Prozent der weltweit 4,7 Millionen staatenlosen Menschen leben in Ländern, die besonders anfällig für Klimagefahren sind. Ohne offizielle Anerkennung haben diese Menschen oft Schwierigkeiten, Zugang zu Katastrophenhilfe oder Unterstützungssystemen zu erhalten, die ihnen bei der Anpassung helfen sollen.
Klimaanpassung ist eine Frage des Überlebens
Trotz dieser eskalierenden Risiken reichen die weltweiten Klimafinanzierungen für die Menschen, die sie am dringendsten benötigen, weiterhin nicht aus. Fragile und von Konflikten betroffene Staaten erhalten nur etwa 10 Prozent der gesamten weltweiten Klimafinanzierung, obwohl viele von ihnen eine große Zahl von Flüchtlingen und Vertriebenen beherbergen und gleichzeitig mit schwerwiegenden Klimafolgen konfrontiert sind.
„Klimaanpassung in fragilen und von Vertreibung betroffenen Gebieten ist eine Frage des Überlebens“, sagte Leis García.
„Wir brauchen Klimafinanzierungen, um die Gemeinden zu erreichen, in denen der Bedarf am größten ist.
Wenn wir heute in Resilienz, Lebensgrundlagen und nachhaltige Lösungen investieren, können wir morgen weitere Vertreibungen verhindern."
Er fügte hinzu, dass Flüchtlinge und ihre Aufnahmegemeinschaften Teil dieser Investitionen sein müssen und nicht erst im Nachhinein berücksichtigt werden dürfen.
Das Flüchtlingshilfswerk betonte, wie wichtig es ist, die Investitionen in die Klimaanpassung zu verstärken, insbesondere in Rückkehrgebieten, um die Wiedereingliederung zu erleichtern und die Voraussetzungen für eine sichere, freiwillige und nachhaltige Rückkehr zu schaffen.
Dem Bericht zufolge gehen Flüchtlinge und Aufnahmegemeinschaften mit innovativen Lösungen für klimatische Herausforderungen voran. Zu diesen zählen beispielsweise solarbetriebene Wasserversorgungssysteme im Sahel, klimaresiliente Landwirtschaft in Uganda sowie die Renaturierung von Land und Mangroven in Kolumbien.
Die UN-Organisation arbeitet mit Regierungen, Entwicklungspartnern und dem privaten Sektor zusammen, um diese Initiativen zu unterstützen und auszuweiten und so den Gemeinschaften zu helfen, sich anzupassen und selbstständiger zu werden.
„Flüchtlinge stehen an vorderster Front der Klimakrise, aber sie sind auch Teil der Lösung“, sagte Leis García.
„Die COP31 muss ein Wendepunkt sein […]. Die hier getroffenen Entscheidungen müssen Millionen von Menschen, die zur Flucht gezwungen wurden, dauerhaften Schutz, stärkere Widerstandsfähigkeit und eine sicherere Zukunft bieten.“
Auf der UN-Klimakonferenz in der Türkei wird das UNHCR Regierungen und Klimafinanzierungsinstitutionen dringend auffordern, Flüchtlinge und Vertriebene in nationale Klimapläne und Finanzierungsmechanismen einzubeziehen. Die Organisation wird zudem zu größeren langfristigen Investitionen in Anpassungsmaßnahmen in fragilen und von Vertreibung betroffenen Gebieten sowie zu einer Weiterentwicklung über die kurzfristige humanitäre Hilfe hinaus aufrufen.
Vor dem Hintergrund, dass die Türkei eines der weltweit größten Aufnahmeländer für Flüchtlinge ist, bietet die COP31-Konferenz eine wichtige Gelegenheit, Vertreibung und den Bedarf der Aufnahmegemeinschaften in den globalen Klimaschutz einzubeziehen, so die UN-Organisation.
Weitere Informationen
Vollständiger Text: Keine Ausweg III – Stimmen von Vertriebenen an der Front der Klimakrise, UNHCR, Bericht, veröffentlicht am 6. November 2026 (in Englisch)
https://www.unhcr.org/media/no-escape-iii-displaced-voices-frontlines-climate-crisis