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  1. Humanitäre Nachrichten

Sudan: Bis zu 300.000 Menschen aus Wad Madani im Bundesstaat Al-Dschazira vertrieben

Von Simon D. Kist, 21 Dezember, 2023

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen berichtet am Donnerstag, dass bis zu 300.000 Menschen nach den Zusammenstößen zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) um Wad Madani, der Hauptstadt des Bundesstaats Al-Dschazira, geflohen sind. Nach Angaben des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) handelt es bei der Hälfte davon um Kinder. Seit dem Ausbruch der Kämpfe zwischen den Kriegsparteien am 15. April 2023 sind bereits rund 7 Millionen Menschen innerhalb und außerhalb des Sudan vertrieben worden.

Wad Madani liegt 136 Kilometer südöstlich der vom Konflikt zerrütteten Hauptstadt Khartum und befindet sich im Herzen des Bundesstaates Al-Dschazira, der als landwirtschaftliche Kornkammer des Sudan bekannt ist.  Die Stadt war aufgrund ihrer Nähe zur Hauptstadt ein Zufluchtsort für viele vertriebene Frauen, Kinder und Männer aus Khartum.

"Dies ist eine menschliche Tragödie ungeheuren Ausmaßes, welche die ohnehin schon schlimme humanitäre Krise des Landes weiter verschärft", sagte IOM-Generaldirektorin Amy Pope am Donnerstag in einer Stellungnahme.

"Die Verschärfung des Konflikts und die zunehmende Vertreibung unterstreichen die Dringlichkeit einer friedlichen Lösung, die Notwendigkeit eines Waffenstillstands und einer robusten Reaktion, um eine größere Katastrophe zu verhindern."  

Nach Angaben des UN-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) brachen am Morgen des 15. Dezember - acht Monate nach Beginn des Bürgerkriegs - in den Außenbezirken von Wad Medani Kämpfe zwischen der SAF und der RSF aus. Am 18. Dezember drang die RSF Berichten zufolge nach tagelangen Kämpfen in die Stadt Wad Medani ein und übernahm am 19. Dezember die Kontrolle über die Stadt.

Fast eine halbe Million Männer, Frauen und Kinder hatten seit Beginn der Krise im April im Bundesstaat Al-Dschazira Zuflucht gesucht, davon fast 90.000 in der Hauptstadt Wad Madani. Jetzt sind wieder Tausende auf dem Weg, viele in Panik, auf der Flucht vor den Kämpfen zwischen der SAF und der RSF.

Laut den Vereinten Nationen ist die Lage angespannt und unberechenbar, während die Kämpfe Berichten zufolge noch andauern. In den meisten östlichen Bundesstaaten wurde eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.  Die IOM warnt davor, dass durch diese jüngsten Bevölkerungsbewegungen die Gesamtzahl der Vertriebenen im Sudan auf über 7,1 Millionen ansteigen wird, was die weltweit größte interne Vertreibungskrise darstellt. Mehr als 1,5 Millionen Menschen sind in benachbarte Länder geflohen.

"Seit mehr als acht Monaten sind die Menschen im Sudan gezwungen, die brutalen Realitäten des Konflikts zu ertragen. Ihr Leben wurde zerstört, ihre Familien wurden auseinandergerissen, und ihre Träume von einer friedlichen Zukunft liegen in Trümmern. Eine Fortsetzung der Gewalt würde das Land weiter verwüsten und die Region destabilisieren", sagte Pope.  

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte auf einer Social-Media-Plattform, die WHO sei besonders besorgt über die Situation in Wad Medani.

"Wir sind entsetzt über die Berichte über Angriffe auf ein Krankenhaus in der gleichen Gegend, bei denen zwei Mitarbeiter des Gesundheitswesens ums Leben gekommen sind. Wir ergreifen Maßnahmen, um die Sicherheit unseres Personals zu gewährleisten, und prüfen gleichzeitig alternative Möglichkeiten zur Fortsetzung unserer Nothilfemaßnahmen im Gesundheitsbereich", sagte er.

Die Fähigkeit der WHO, der sudanesischen Bevölkerung zu helfen, ist beeinträchtigt, da der Raum für humanitäre Hilfe schrumpft und es keine Garantien für einen sicheren Zugang gibt. Nach Angaben der WHO wurden mindestens drei Krankenhäuser in und um Wad Medani geschlossen, und in den Krankenhäusern, die noch in Betrieb sind, herrscht ein kritischer Personalmangel.

Berichten zufolge wurden seit dem 15. Dezember in Wadi Madani Dutzende von Zivilisten, darunter auch medizinisches Personal, getötet und viele weitere verletzt.

"Einige der Angriffe waren mutmaßlich ethnisch motiviert. Es gibt auch Berichte über Verstümmelungen und Plünderungen sowie über einen Angriff auf ein Krankenhaus. Dutzende von Menschen wurden Berichten zufolge von beiden Seiten festgenommen, einige davon aufgrund ihrer ethnischen oder Stammeszugehörigkeit", sagte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte Volker Türk am Mittwoch.

Unterdessen sind die aus Wad Medani vertriebenen Menschen laut OCHA in die Bundesstaaten Gedaref, Sennar und Weißer Nil geflohen. Viele Binnenvertriebene kamen Berichten zufolge an den bestehenden Sammelstellen für Binnenvertriebene in und um Orte in Gedaref und Sennar an. Die meisten suchten Schutz in den Gastgemeinden, und die örtlichen Behörden und Nichtregierungsorganisationen in Gedaref schätzen, dass mehr als 10.000 Menschen bei den Aufnahmegemeinden in der Stadt Gedaref Schutz gesucht haben.

OCHA erklärte, dass Schätzungen zufolge Tausende von Vertriebenen aus Wad Medani auf dem Weg nach Gedaref, Kassala und Blauer Nil in den Bundesstaat Sennar gelangt sein könnten. Es gibt auch Berichte über Binnenvertriebene, die sich in den Bundesstaat Weißer Nil begeben, um in den Südsudan überzuwechseln, falls sich die Lage verschlechtert.

Die Vertriebenen haben in verschiedenen Nachbarstaaten Zuflucht gesucht, wobei viele von ihnen über den Grenzübergang Renk in den Südsudan gelangten. Da es kaum Transportmöglichkeiten gibt, sind viele Menschen Berichten zufolge zu Fuß geflohen und suchen derzeit Schutz auf offenem Gelände, in improvisierten Unterkünften, Schulen und in den Aufnahmegemeinschaften.  

Alle humanitären Einsätze im und aus dem Bundesstaat Al-Dschazira, einer wichtigen Drehscheibe für humanitäre Einsätze im Sudan, wurden ausgesetzt, was die ohnehin schon prekäre Versorgung Hunderttausender Notleidender mit wichtiger Hilfe gefährdet. Die jüngste Unsicherheit hat humanitäre Organisationen dazu veranlasst, ihre Mitarbeiter in benachbarte Staaten zu verlegen.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen warnte heute, dass die Eskalation der Kämpfe im sudanesischen Bundesstaat Al-Dschazira in weniger als einer Woche 150.000 Kinder aus ihren Häusern vertrieben hat. Der Ausbruch der Kämpfe in Al-Dschazira bedeutet, dass mehr als die Hälfte der sudanesischen Bundesstaaten - 10 von 18 - von aktiven Konflikten betroffen sind, stellte UNICEF fest.

"Zehntausende gefährdeter Kinder im Bundesstaat Al-Dschazira sind gezwungen, ihre Häuser zu verlassen und Sicherheit zu suchen, da die Kämpfe in Gebieten ausbrechen, die zuvor als relativ sicher galten", sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell.

"Diese neue Welle der Gewalt könnte dazu führen, dass Kinder und Familien zwischen den Fronten eingeklemmt werden oder ins Kreuzfeuer geraten, was fatale Folgen haben könnte. Angesichts von Berichten über erneute Kämpfe in anderen Teilen des Landes sind Millionen von Kindern im Sudan erneut stark gefährdet."

Laut den Vereinten Nationen wurden auch in El Fasher in Bundesstaat Nord-Darfur erneut Kämpfe gemeldet, in deren Folge viele Menschen vertrieben wurden.

Acht Monate nach dem Ausbruch der Kämpfe zwischen den sudanesischen Streitkräften und den Rapid Support Forces Mitte April sind rund 7 Millionen Menschen aus ihren Häusern geflohen und haben innerhalb und außerhalb des Landes Zuflucht gesucht, wobei Kinder etwa die Hälfte der Vertriebenen ausmachen. Der Sudan ist nun das Land mit der größten Zahl von Binnenvertriebenen in der Welt.

Das Ausmaß der humanitären Katastrophe, die sich im Sudan abspielt, ist beispiellos.  Die Vereinten Nationen sprechen von einer "humanitären Krise epischen Ausmaßes" im Land. Millionen von Menschen haben keinen Zugang zu Schutz, Nahrungsmitteln, Wasser, Unterkünften, Strom, Bildung und medizinischer Versorgung.

Die Zahl der Menschen, die humanitäre Unterstützung benötigen, beläuft sich derzeit auf 24,8 Millionen - mehr als die Hälfte der sudanesischen Bevölkerung. Unter ihnen sind mehr als 13 Millionen Kinder, die dringend lebensrettende humanitäre Hilfe benötigen. Fast 18 Millionen Menschen im Sudan sind von akutem Hunger betroffen - mehr als doppelt so viele wie zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr.

Mit Stand vom 21. Dezember ist der überarbeitete Humanitäre Reaktionsplan für den Sudan 2023 nur zu 40 Prozent finanziert.

Weitere Informationen

Vollständiger Text: Bis zu 300.000 Sudanesen durch jüngste Ausweitung der Kämpfe vertrieben, IOM, Presseinformation, veröffentlicht am 21. Dezember 2023 (in Englisch)
https://www.iom.int/news/300000-sudanese-displaced-latest-surge-fighting

Vollständiger Text: Humanitäres Update für den Sudan (21. Dezember 2023), Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, Bericht, veröffentlicht am 21. Dezember 2023 (in Englisch)
https://reliefweb.int/report/sudan/sudan-humanitarian-update-21-december-2023

Vollständiger Text: Fast 3 Millionen Kinder im sudanesischen Bundesstaat Al-Dschazira sind durch die Eskalation der Gewalt gefährdet, UNICEF, Pressemitteilung, veröffentlicht am 21. Dezember 2023 (in Englisch)
https://www.unicef.org/press-releases/almost-3-million-children-sudans-al-jazirah-state-risk-violence-escalates

Tags

  • Sudan
  • Vertreibung
  • Kinder

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