Drei Jahre Krieg im Sudan haben zur weltweit größten humanitären Krise und zur größten Vertreibungskrise der Welt geführt. Zehntausende Kinder, Frauen und Männer wurden getötet, sind verhungert oder wurden verstümmelt. Während keine Anzeichen dafür zu erkennen sind, dass die humanitäre Katastrophe im Sudan und ihre regionalen Auswirkungen nachlassen, zeigten sich führende Vertreter der Vereinten Nationen am Mittwoch alarmiert über die unzureichende finanzielle Unterstützung und diplomatische Aufmerksamkeit, die dem Konflikt und seinen Folgen zuteilwird.
Vor genau drei Jahren, am 15. April 2023, brachen in der Hauptstadt Khartum heftige Kämpfe zwischen den sudanesischen Streitkräften (SAF) und den Rapid Support Forces (RSF) aus. Die Gewalt breitete sich rasch im ganzen Sudan aus und zwang Millionen Menschen zur Flucht. Was als Machtkampf zwischen der SAF und der RSF begann, hat landesweit zum Zusammenbruch des Gesundheitswesens, der Nahrungsmittelversorgung und des Schutzes der Zivilbevölkerung geführt.
Das Ausmaß der humanitären Katastrophe im Sudan ist beispiellos. Derzeit benötigen schätzungsweise 33,7 Millionen Menschen – fast zwei Drittel der sudanesischen Bevölkerung – humanitäre Hilfe und Schutz. Unter den Menschen in großer Not befinden sich über 20 Millionen Kinder.
In einer Videobotschaft an die Internationale Humanitäre Konferenz für den Sudan am Mittwoch in Berlin forderte UN-Generalsekretär António Guterres ein Ende dieses Albtraums. Er wies darauf hin, dass weiterhin glaubwürdige Vorwürfe schwerster internationaler Verbrechen bekannt werden.
„Frauen und Mädchen wurden terrorisiert, und es herrschte systematische sexuelle Gewalt. Familien und Gemeinschaften wurden durch Bombardements und Drohnenangriffe zerstört“, sagte er.
„Humanitäre und wirtschaftliche Lebensadern wurden abgeschnitten. Und in dem Land, das einst die Kornkammer der Region war, hat sich eine Hungersnot breitgemacht. Einer ganzen Generation von Kindern wurde die Bildung vorenthalten.“
Guterres erklärte, dass die Folgen nicht auf den Sudan beschränkt seien, da sie zu Instabilität in der gesamten Region führten.
„Dieser Albtraum muss ein Ende haben. Das erfordert Einigkeit und Dringlichkeit. Die Zivilbevölkerung muss geschützt werden“, sagte er.
Der Generalsekretär rief zu Einigkeit und entschlossenem Handeln auf, um Zivilisten zu schützen und einen sicheren und ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe zu gewährleisten. Er forderte außerdem die Geber auf, die Hilfsmaßnahmen vollständig zu finanzieren.
Er beklagte, dass im vergangenen Jahr weniger als 40 Prozent der benötigten humanitären Hilfe bereitgestellt wurden, was verheerende Kürzungen bei der Nahrungsmittelhilfe, medizinischen Versorgung und der lebenswichtigen Unterstützung für Überlebende sexueller Gewalt zur Folge hatte.
Während die Zahl der Hungernden im Sudan dramatisch gestiegen ist, hat die humanitäre Gemeinschaft einen stetigen Rückgang der finanziellen Unterstützung erlebt. Trotz wachsender Not ist die diesjährige Hilfe noch weiter unzureichend: Bis heute sind erst 17 Prozent der benötigten Mittel eingegangen.
„Aber lassen Sie uns klarstellen: Finanzmittel allein können den Frieden nicht ersetzen. Eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten ist unerlässlich. Die Einmischung von außen und der Waffenfluss, die diesen Krieg schüren, müssen endlich ein Ende finden“, sagte Guterres.
Er fügte hinzu, dass ein glaubwürdiger Weg hin zu einem inklusiven, zivil geführten politischen Prozess geebnet werden müsse, der die Bestrebungen des sudanesischen Volkes widerspiegele.
UN-Nothilfechef: Sudan ist ein „Laboratorium für Gräueltaten“
Bei seiner Rede auf der Internationalen Humanitären Konferenz für den Sudan am Mittwoch in Berlin bezeichnete der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher das Land als ein „Laboratorium für Gräueltaten“ und führte Belagerungen, die Vorenthaltung von Nahrungsmitteln, sexuelle Gewalt als Kriegswaffe sowie Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser an.
Er wies darauf hin, dass Drohnenangriffe in diesem Jahr bisher 700 Menschen getötet haben und dass in den letzten drei Jahren mehr als 130 humanitäre Helfer ums Leben gekommen sind.
Fletcher erklärte, die Lage sei nicht nur weiterhin dramatisch, sondern verschlechtere sich sogar. Er zitierte Zahlen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF), wonach zwischen Januar und März dieses Jahres 160 Kinder ums Leben gekommen seien – ein Anstieg um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
UN-Menschenrechtschef: Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.
In seiner Rede auf der Sudan-Konferenz betonte Volker Türk, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, dass dringende gemeinsame Maßnahmen erforderlich seien, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Während seines Besuchs im Sudan Anfang dieses Jahres konnte er sich selbst ein Bild von den verheerenden Auswirkungen machen, die drei Jahre Krieg auf das Leben der einfachen Bevölkerung hatten.
„Ich war zutiefst schockiert von Berichten über extreme Brutalität, einschließlich Gräueltaten. Ich hörte erschütternde Geschichten von Überlebenden, die miterlebten, wie ihre Angehörigen getötet wurden, und von Frauen, die Gruppenvergewaltigungen und anderen Formen der Folter ausgesetzt waren“, sagte Türk.
„Dieser Konflikt ist eine Menschenrechtskatastrophe; daher müssen die Menschenrechte die Grundlage aller Bemühungen zu seiner Lösung bilden.“
Untersuchungen und Dokumentationen des UN-Menschenrechtsbüros deuten darauf hin, dass alle Konfliktparteien schwere Verstöße und Verletzungen der internationalen Menschenrechtsnormen sowie schwerwiegende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht begangen haben. Diese Verstöße können als internationale Verbrechen, einschließlich Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gelten.
„Der Einsatz von Sprengwaffen mit großflächiger Wirkung in bevölkerten Gebieten – der von allen Parteien praktiziert wird – verursacht wahllosen Schaden. Das gezielte Angreifen von Krankenhäusern, Märkten, Schulen und kritischer Infrastruktur ist ein Kriegsverbrechen“, sagte Türk.
Er äußerte sich alarmiert über den starken Anstieg des Einsatzes von Drohnen in den letzten Monaten, der verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung hat.
„Drohnenangriffe waren für drei Viertel der zivilen Todesfälle verantwortlich, die wir in den ersten drei Monaten dieses Jahres dokumentiert haben“, sagte er und warnte, dass sich die Gewaltzyklen im gesamten Sudan verschärfen und ausweiten.
„Zivilisten sind Ziel von Massenmorden, summarischen Hinrichtungen, weit verbreiteten Vergewaltigungen, Entführungen zur Erpressung von Lösegeld und Zwangsvertreibungen“, sagte der Leiter der UN-Menschenrechtsabteilung.
„Diese Gräueltaten folgen dem gleichen Muster; sie sind das Ergebnis bewusster Entscheidungen, die durch Straflosigkeit begünstigt werden. Wenn Verbrechen auf dem Schlachtfeld Erfolg bringen und nicht bestraft werden, werden sie wiederholt.“
Krieg im Sudan löst verheerende Gesundheitskrise aus
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte am Mittwoch, dass der Krieg verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen habe. Obwohl sich die Lage in einigen Bundesstaaten verbessert, verschärft sich die Gesundheitskrise in Gebieten, in denen die Kämpfe andauern.
Laut WHO benötigen rund 21 Millionen Menschen medizinische Hilfe. Schätzungen zufolge leiden über 4 Millionen Menschen an akuter Unterernährung, was sie anfällig für medizinische Komplikationen und Krankheiten macht.
Es gibt weit verbreitete Krankheitsausbrüche; Malaria, Dengue-Fieber, Masern, Polio (cVDPV2), Hepatitis E, Meningitis und Diphtherie wurden in mehreren Bundesstaaten gemeldet, darunter Al-Jazirah, Darfur, Gedaref, Khartum, Kordofan, River Nile und White Nile. In den 18 Bundesstaaten des Sudan sind mehr als zwei Drittel der Gesundheitseinrichtungen weiterhin nicht funktionsfähig.
Gesundheitseinrichtungen, Krankenwagen, Patienten und Gesundheitspersonal wurden wiederholt angegriffen, was den Zugang zur Gesundheitsversorgung weiter einschränkt, insbesondere in Konfliktgebieten, in denen Krankenhäuser nur teilweise funktionieren oder aufgrund der Zerstörung von Einrichtungen und Ausrüstung geschlossen wurden.
Seit dem 15. April 2023 hat die WHO 217 Angriffe auf das Gesundheitswesen verifiziert, die zu 2.052 bestätigten Todesfällen und 810 bestätigten Verletzten geführt haben.
„Der Krieg im Sudan zerstört Leben und verweigert den Menschen ihre grundlegendsten Rechte, darunter Gesundheit, Wasser, Nahrung und Sicherheit. Das Gesundheitssystem ist lahmgelegt, sodass Millionen Menschen ohne grundlegende Gesundheitsversorgung dastehen“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus.
„Ärzte und Gesundheitspersonal können Leben retten, aber sie brauchen sichere Arbeitsorte sowie die benötigten Medikamente und Hilfsgüter. Letztendlich ist Frieden die beste Medizin.“
Im Sudan herrscht eine beispiellose Hunger- und Vertreibungskrise
Der Sudan befindet sich in einer beispiellosen Hungerkrise. Drei Jahre nach Kriegsbeginn gleitet das Land weiter in eine Hungersnot ab, die durch weit verbreiteten Hunger und einen erheblichen Anstieg akuter Unterernährung gekennzeichnet ist. Der Sudan ist das einzige Land der Welt, in dem in mehreren Gebieten eine Hungersnot bestätigt wurde und sich diese weiter ausbreitet.
Laut der jüngsten Analyse der Integrierten Klassifizierung der Ernährungssicherheit (IPC) leiden derzeit über 19 Millionen Menschen im Sudan unter einem hohen Maß an akuter Ernährungsunsicherheit (IPC-Phase 3 oder schlimmer).
Die rasante Verschlechterung der Ernährungssicherheit hat etwa 146.000 Menschen in katastrophale Zustände (IPC-Phase 5) gebracht. Schätzungen zufolge leiden mehr als 4,9 Millionen Menschen unter Hunger auf Notfallniveau (IPC-Phase 4).
Über 4,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind akut unterernährt, darunter 800.000, die unter schwerer akuter Unterernährung leiden.
Obwohl seit dem vergangenen Jahr etwa 4 Millionen Menschen in ihre Gemeinden zurückgekehrt sind, sind fast 14 Millionen aufgrund der anhaltenden Kriegshandlungen und früherer Konflikte weiterhin vertrieben. Der Sudan sieht sich weiterhin mit der weltweit größten Vertreibungskrise konfrontiert.
Auch wenn die Gesamtzahl der Binnenvertriebenen zurückgegangen ist, sind trotz der anhaltenden Rückkehrbewegungen nach Khartum und in die östlichen Bundesstaaten weiterhin fast 9 Millionen Menschen innerhalb der sudanesischen Grenzen auf der Flucht. Bis heute sind etwa 5 Millionen Menschen aufgrund des andauernden Krieges oder früherer Konflikte in Nachbarländer geflohen und benötigen dringend Unterstützung.
Humanitäre Organisationen warnen, dass durch den Krieg im Sudan vertriebene Familien mit extremem Hunger, wiederholter Vertreibung und dem vollständigen Verlust ihrer Lebensgrundlagen konfrontiert sind. Viele Familien wurden mehrfach vertrieben, was ihre Verluste noch vergrößert und ihre Erschöpfung verschlimmert.
Der Regionale Flüchtlingsreaktionsplan (RRP) für den Sudan benötigt in diesem Jahr Finanzmittel in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar, um Flüchtlinge und Aufnahmegemeinden in den Nachbarländern zu unterstützen. Derzeit ist der RRP nur zu 10 Prozent finanziert.
Anlässlich des heutigen düsteren Jahrestags haben die Vereinten Nationen erneut eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten gefordert.
„Zivilisten und zivile Infrastruktur müssen im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht geschützt werden. Die Konfliktparteien sind nach dem humanitären Völkerrecht verpflichtet, einen sicheren, schnellen, ungehinderten und nachhaltigen humanitären Zugang zu ermöglichen“, erklärte UN-Sprecher Stephane Dujarric vor Journalisten in New York.
„Und die Hilfsmaßnahmen im Sudan und in den Nachbarländern müssen dringend und vollständig finanziert werden, da Verzögerungen weiterhin Menschenleben kosten.“