Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) berichtet, dass sich die humanitären Folgen der Eskalation im Nahen Osten von Tag zu Tag verschlimmern. Zivilisten sind zunehmend gefährdet, und in der gesamten Region kommt es zu Störungen der lebenswichtigen Infrastruktur. Unterdessen warnt UN-Generalsekretär António Guterres, dass das, was als regionaler Konflikt begann, zunehmend zu einem Faktor globaler Instabilität wird
Seit Mittwoch gibt es Berichte über zivile Opfer im Iran und in Kuwait sowie über Schäden an oder Störungen der Infrastruktur im Iran, in Kuwait, Saudi-Arabien und Ägypten. Jordanien und Ägypten bleiben wichtige Lebensadern für humanitäre Einsätze, darunter medizinische Evakuierungen und Hilfslieferungen.
Am Donnerstag erklärte OCHA, dass es die humanitären Auswirkungen weiterhin beobachtet, und forderte alle Parteien auf, ihren Verpflichtungen gemäß dem humanitären Völkerrecht nachzukommen, einschließlich des Schutzes der Zivilbevölkerung und lebenswichtiger Infrastruktur.
Am 17. Juni hatten die Vereinigten Staaten und der Iran eine Einigung über eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) zur Einstellung der Feindseligkeiten erzielt. Seit der Bekanntgabe des MoU und des darauf folgenden Waffenstillstands hatte die Intensität der Kampfhandlungen im Allgemeinen abgenommen. Dennoch wirken sich die militärischen Aktivitäten weiterhin auf die zivile Infrastruktur und den Zugang zu grundlegenden Versorgungsleistungen aus.
Am Donnerstag, sechs Monate nach Beginn der militärischen Eskalation am Persischen Golf, wurde über eine neue Welle von US-Luftangriffen in den iranischen Provinzen Fars, Hormozgan, Bushehr und Khuzestan berichtet, zu denen auch die wichtigste Ölförderregion des Landes gehört. Laut lokalen Quellen traf ein Luftangriff in Qeshm in der Provinz Hormozgan ein Wohnhaus, wobei drei Zivilisten ums Leben kamen, darunter ein zweijähriges Kind. Zwei weitere Kinder sollen verletzt worden sein.
Nach Angaben des iranischen Gesundheitsministeriums wurden seit der erneuten Eskalation der Feindseligkeiten am 27. Juni mindestens 60 Menschen getötet und 670 verletzt. Die Feindseligkeiten haben sich weiter verschärft, wobei täglich von Luftangriffen berichtet wird.
Angriffe der USA und Israels gegen den Iran fordern mehr als 3.400 Tote und mehr als 34.000 Verletzte
Nach dem Ausbruch des Krieges gegen den Iran am 28. Februar durch Angriffe der USA und Israels im ganzen Land reagierte das iranische Militär mit Angriffen auf Israel und die mit den USA verbündeten Staaten am Golf.
Berichten zufolge wurden bei Luftangriffen Israels und der Vereinigten Staaten im gesamten Iran mehr als 3.400 Menschen getötet und mehr als 34.000 verletzt. Nach Angaben des Iranischen Roten Halbmonds (IRCS) wurden im Zuge der Eskalation fast 150.000 zivile Gebäude beschädigt, darunter über 123.000 Wohnhäuser und über 24.000 Gewerbegebäude.
Die Luftangriffe der USA und Israels in dicht besiedelten Gebieten führten zu massiven Vertreibungen; Millionen Menschen flohen aus der Hauptstadt Teheran auf der Suche nach Sicherheit. Zu Beginn des Krieges waren etwa 3,2 Millionen Menschen vertrieben worden.
Am Donnerstag berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM), dass die Bevölkerungsbewegungen im Iran derzeit lokal begrenzt, vorübergehend und wirtschaftlich bedingt sind und keine Anzeichen für eine Massenvertreibung vorliegen.
Angesichts zeitweiliger Anzeichen einer Deeskalation haben einige Familien begonnen, in ihre Häuser zurückzukehren. Tausende suchen jedoch aufgrund von Schäden an Wohngebäuden und der zivilen Infrastruktur weiterhin Zuflucht in Hotels.
Sechs Monate nach Beginn der Krise unterstützen die im Iran tätigen UN-Organisationen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) weiterhin die Bewältigung des wachsenden humanitären Bedarfs.
Die Eskalation im Nahen Osten und darüber hinaus hat eine humanitäre Krise ausgelöst, von der mehrere Regionen in einem ohnehin schon fragilen Umfeld betroffen sind. Ein Wiederaufflammen der Feindseligkeiten in den vergangenen Wochen hat den humanitären Zugang erschwert und bedroht grundlegende zivile Versorgungseinrichtungen.
Gefährdete Gruppen sind am stärksten betroffen
Anfang dieser Woche berichtete Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen, MSF) von einem beispiellosen Bedarf an medizinischer Versorgung unter Flüchtlingen, Migranten und anderen marginalisierten Bevölkerungsgruppen im Iran.
Von Januar bis Juni dieses Jahres führten MSF-Teams 84.615 Konsultationen durch, was einem Anstieg von 80 Prozent im Vergleich zum gesamten Jahr 2025 entspricht. Die MSF-Teams verzeichneten zudem einen Anstieg von 50 Prozent bei psychologischen Konsultationen wegen posttraumatischer Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen und Angstzuständen.
Dieser Anstieg ist Berichten zufolge auf den wachsenden Bedarf und die Hindernisse beim Zugang zur öffentlichen Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge, Migranten und andere besonders schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen zurückzuführen.
„Sowohl in Zeiten verschärfter Feindseligkeiten als auch während Waffenstillständen haben die von uns unterstützten Gemeinschaften oft nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung“, erklärte Grigor Simonyan, MSF-Missionsleiter im Iran, am Dienstag in einer Stellungnahme.
„Wir haben die medizinischen Grundversorgungs- und psychologischen Dienste dringend ausgebaut, um den weiter wachsenden Bedarf zu decken.“
Simonyan wies darauf hin, dass die Zahl der medizinischen Konsultationen in beiden Phasen sprunghaft angestiegen sei, was MSF dazu veranlasst habe, die Dienste auszuweiten.
„Zwar konzentrieren sich die Gesundheitsdienste in Konflikten auf die Notfall- und Traumaversorgung, doch Mütter benötigen weiterhin Schwangerschaftsvorsorge und ältere Menschen weiterhin die Versorgung bei nichtübertragbaren Krankheiten“, sagte er.
"Dies gilt insbesondere für diejenigen, die besonders schutzbedürftig sind und ohnehin nur begrenzten Zugang zur Gesundheitsversorgung haben."
Das Gesundheitssystem im Iran wurde seit Jahresbeginn durch wiederholte Eskalationen der Gewalt seitens der Vereinigten Staaten und Israels massiv belastet. Dies hat die Kontinuität der medizinischen Grundversorgung beeinträchtigt und betrifft insbesondere Gemeinden, die ohnehin nur begrenzten Zugang hatten.
Bislang hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 27 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen bestätigt, bei denen 11 Mitarbeiter des Gesundheitswesens ums Leben kamen.
Ein treibender Faktor globaler Instabilität
Die Iran-Krise hat den Schiffsverkehr in der engen Straße von Hormus unterbrochen, das weltweite Energieversorgungsnetz ins Chaos gestürzt und den Luftverkehr schwer beeinträchtigt. Zudem hat sie den Fluss humanitärer Hilfe eingeschränkt.
Dies hat eine umfassendere Krise ausgelöst, von der Menschen in der gesamten Region und darüber hinaus betroffen sind und die zu einer Verschärfung der globalen Hungerkrise führen könnte. Das Welternährungsprogramm warnt davor, dass infolge der anhaltenden Feindseligkeiten bis zu 45 Millionen Menschen zusätzlich von akutem Hunger bedroht sein könnten.
„Die militärische Eskalation am Golf dauert nun schon sechs Monate an. Was als regionaler Konflikt begann, wird zunehmend zu einem treibenden Faktor der globalen Instabilität“, erklärte UN-Generalsekretär Guterres am Freitag vor Journalisten in New York.
„Der Handel durch die Straße von Hormus ist zusammengebrochen. Die Energiemärkte sind ins Wanken geraten. Die Preise für Lebensmittel und wichtige Düngemittel sind in die Höhe geschossen. Die Lieferketten brechen zusammen.“
Guterres mahnte, dass die Welt sehe, "wie Familien darum kämpfen, Essen auf den Tisch zu bringen, wie Landwirte sich grundlegende Produktionsmittel nicht mehr leisten können und wie gefährdete Länder immer näher an den Abgrund gedrängt werden.“
Der UN-Generalsekretär fügte hinzu, dass steigende Preise und ein nachlassendes Wachstum zudem drohen, Millionen weiterer Menschen zurück in die Armut zu treiben.
„Lassen Sie mich klar sagen: Die Kämpfe müssen an allen Fronten in der Region aufhören“, sagte Guterres und bezog sich dabei auch auf die Lage im Libanon und im Gazastreifen.
„Die internationalen Schifffahrtsrechte und -freiheiten in und um die Straße von Hormus und Bab al-Mandab müssen vollständig wiederhergestellt werden. Und die Diplomatie muss sich durchsetzen.“