Der Nothilfechef der Vereinten Nationen, Tom Fletcher, erklärte am Donnerstag vor dem UN-Sicherheitsrat, dass das Zusammentreffen von Klimakatastrophen und erneuten regionalen Spannungen die humanitäre Krise im Jemen weiter zu verschärfen droht, während der Hunger wächst und die Gesundheitsversorgung zusammenbricht. Fletcher warnte davor, die anhaltende Widerstandsfähigkeit der jemenitischen Bevölkerung als Rechtfertigung dafür heranzuziehen, dass die internationale Gemeinschaft es versäumt, der sich verschlechternden humanitären Lage entgegenzuwirken.
„Der Hunger nimmt zu, die Gesundheitsversorgung bricht zusammen, und die Familien haben ihre letzten Bewältigungsstrategien ausgeschöpft. Und nun droht das Zusammentreffen von Klimakatastrophen und erneuten regionalen Spannungen, diese Katastrophe noch zu verschärfen“, sagte Fletcher, der UN-Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator.
„Mehr als ein Jahrzehnt nach Beginn dieses Konflikts stehen Millionen Jemeniten täglich vor unmöglichen Entscheidungen: Nahrung oder Medikamente, Bildung oder Arbeit, Überleben oder Vertreibung.“
In seiner Unterrichtung des Sicherheitsrats zeigte er sich besonders besorgt über die Folgen für Frauen und Mädchen. Laut Fletcher benötigen fast 11 Millionen Frauen und Mädchen humanitäre Hilfe, darunter 5,5 Millionen Frauen im gebärfähigen Alter und über 750.000 schwangere Frauen.
„Die für sie unverzichtbare Versorgung ist unerreichbar: Vier von fünf Frauen haben keinen Zugang zu lebensrettenden Einrichtungen für reproduktive Gesundheit. Da nur jede fünfte Gesundheitseinrichtung Schwangerschaftsbetreuung anbietet, sind die Folgen tödlich: Täglich sterben drei Frauen an vermeidbaren, schwangerschaftsbedingten Komplikationen“, sagte er, während sich das „Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs befindet“.
Die Fragilität des Gesundheitssystems wurde durch einen schweren Masernausbruch in der Region Marib weiter verdeutlicht, den die jemenitischen Behörden zum Gesundheitsnotstand erklärt haben. Derzeit verzeichnet die Region weltweit die zweithöchste Fallzahl in diesem Jahr.
Auch die Ernährungsunsicherheit hat erschreckende Ausmaße erreicht. Fletcher zufolge leidet mehr als die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung unter akuter Ernährungsunsicherheit, wobei sechs Millionen Menschen – die weltweit höchste Zahl – von einer Hungernotlage betroffen sind, deren Ausmaße einer Hungersnot nahekommen.
„Die Ursachen sind klar: regionale Spannungen, die die Preise in die Höhe treiben, wirtschaftlicher Niedergang, der die Lebensgrundlagen untergräbt, und ein kritischer Mangel an humanitären Hilfsgeldern“, sagte der UN-Nothilfechef.
Zu diesen vom Menschen verursachten Problemen kommt eine neue Bedrohung durch extreme Wetterbedingungen hinzu.
Fletcher warnte, dass die El-Niño-Bedingungen voraussichtlich zu einem Rückgang der Niederschläge um 40 Prozent in wichtigen landwirtschaftlichen Gebieten führen werden. Diese Veränderung dürfte die Ernten vernichten und die Wasserverfügbarkeit verringern, was ein Land, das ohnehin schon zu den am stärksten vom Klimawandel bedrohten gehört, weiter belasten wird.
Er wies darauf hin, dass der Zugang für humanitäre Hilfe nach wie vor eine „erhebliche Hürde“ bleibt, und forderte die Freilassung von UN-Mitarbeitern und anderen Personen, die von der bewaffneten Houthi-Gruppe festgehalten werden.
„Wie Sie gehört haben, werden nach wie vor 73 UN-Kollegen von den De-facto-Behörden der Houthi festgehalten, ebenso wie Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter von NGOs [Nichtregierungsorganisationen], der Zivilgesellschaft und diplomatischen Vertretungen“, sagte er.
„Ihre Familien leben jeden Tag in Ungewissheit. Ihre Freilassung ist mehr als eine institutionelle Forderung, sie ist ein Appell an unsere gemeinsame Menschlichkeit: Lasst sie sicher zu ihren Familien zurückkehren, und lasst uns ein Umfeld schaffen, in dem die Notleidenden Zugang zu Unterstützung und Hilfsleistungen erhalten – sicher, unabhängig und unparteiisch.“
Während humanitäre Organisationen im vergangenen Jahr im Jemen jeden Monat durchschnittlich 5,3 Millionen Menschen erreichen konnten, warnte Fletcher, dass Finanzierungsengpässe die Hilfsmaßnahmen „lähmt“, da der diesjährige Hilfsappell für das Land erst zu knapp 20 Prozent finanziert ist.
„Die Rechnung ist einfach: Wenn die Mittel sinken, werden die Rationen gekürzt, Kliniken geschlossen und Schutzdienste eingestellt“, sagte er.
Er würdigte die Beiträge wichtiger Geber, darunter die Europäische Kommission, Saudi-Arabien, Großbritannien, Deutschland und Südkorea, mahnte jedoch, dass die jüngsten Zuweisungen lediglich "Lückenfüller“ seien.
Der UN-Nothilfekoordinator schloss seine Unterrichtung mit drei Forderungen. Er forderte die Geber auf, „flexible, planbare Finanzmittel“ bereitzustellen, drängte alle Konfliktparteien, Zivilisten zu schützen und inhaftierte Helfer freizulassen, und bat den Sicherheitsrat, den Jemen weiterhin im Fokus zu behalten, um „echte Fortschritte“ zu sichern.
„Die Menschen im Jemen haben außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit bewiesen, aber diese Widerstandsfähigkeit darf niemals eine Entschuldigung dafür sein, dass die Welt von ihnen verlangt, einfach noch mehr zu ertragen“, sagte Fletcher. „Sie verdienen – und wir müssen sicherstellen, dass sie sie erhalten – Würde, Chancen und Hoffnung.“
Zunehmender Hunger, Unterernährung, schwindende Widerstandsfähigkeit und der Einbruch der humanitären Finanzmittel treiben Millionen von Menschen tiefer in die Krise, wobei schätzungsweise 22,3 Millionen Menschen – fast zwei Drittel der jemenitischen Bevölkerung – in diesem Jahr humanitäre Hilfe benötigen.
Derzeit leiden über 53 Prozent der Gesamtbevölkerung – etwa 18 Millionen Menschen – unter schwerer Ernährungsunsicherheit. Die Ernährungskrise im Jemen gehört zu den schlimmsten weltweit. Mehr als 2,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren sowie 1,3 Millionen schwangere oder stillende Frauen sind akut unterernährt. Fast die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren leidet unter Wachstumsverzögerungen.
Darüber hinaus sind 40 Prozent der Gesundheitseinrichtungen des Landes nicht oder nur teilweise funktionsfähig, was die Kapazitäten für die Erkennung und Behandlung von Unterernährung stark einschränkt. Angesichts des fortschreitenden Zusammenbruchs des Gesundheitssystems benötigen etwa 19,3 Millionen Menschen dringend medizinische Versorgung.
Die anhaltenden krisenhaften Zustände im Jemen stehen vor dem Hintergrund einer anhaltenden Zersplitterung und von Konflikten zwischen verschiedenen Fraktionen. Zu diesen Akteuren gehören die Ansar-Allah-Bewegung, auch bekannt als die Houthis, die die Hauptstadt Sanaa sowie weite Gebiete im Norden und Westen kontrollieren; die international anerkannte Regierung mit Sitz in Aden; sowie verschiedene bewaffnete Gruppen, die unterschiedliche Teile des Landes unter ihrer Kontrolle haben.
Dieser ungelöste Konflikt und klimabezogene Naturkatastrophen haben Millionen von Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen. Der Jemen erlebt mit über 5 Millionen Binnenvertriebenen die fünftgrößte Binnenvertreibungskrise weltweit. Zu den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen zählen Binnenvertriebene, Flüchtlinge und Migranten.