Das Jahr 2025 sah einen weiteren düsteren Rekord bei der Gewalt gegen humanitäre Helfer: 907 Menschen wurden getötet, verletzt oder entführt, teilte das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) heute am Tag der humanitären Hilfe mit. Obwohl die Zahl der Todesopfer im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr leicht auf 350 zurückging, war dies die zweithöchste jemals verzeichnete Jahreszahl, und das allgemeine Ausmaß der Gewalt hat sich nicht verringert.
Laut der „Aid Worker Security Database“ (AWSD) wurden 322 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen bei Angriffen verletzt und 235 wurden entführt. Die meisten Vorfälle und Todesfälle ereigneten sich im Gazastreifen, im Sudan, im Südsudan und in der Demokratischen Republik Kongo (DRK), wobei sich die Zahl der Entführungen durch nichtstaatliche und kriminelle Gruppen gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelte.
„Mehr als 1.000 Hilfskräfte wurden in nur drei Jahren getötet, und das ist völlig inakzeptabel“, sagte Tom Fletcher, Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator.
„Aber nur darauf hinzuweisen, wird die nächste Hilfskraft nicht schützen. Die Staaten müssen das humanitäre Völkerrecht einhalten und alle Mittel einsetzen, um Zivilisten und unsere Kollegen zu schützen. Und für diejenigen, die gegen die Regeln verstoßen, muss es echte Konsequenzen geben.“
Im Jahr 2025 waren 1.187 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen von schwerwiegenden Sicherheitsvorfällen betroffen: 350 wurden getötet, 322 verwundet, 235 entführt und 280 festgenommen oder inhaftiert. Die überwiegende Mehrheit der dokumentierten Tötungen und Angriffe auf humanitäre Helfer in Konfliktgebieten richtete sich gegen lokale Mitarbeiter.
Trotz eines brüchigen Waffenstillstands blieb der Gazastreifen mit 186 getöteten humanitären Helfern das dritte Jahr in Folge der tödlichste Schauplatz.
Staatliche Akteure waren im vergangenen Jahr erneut die häufigsten Täter, obwohl auch Angriffe durch nichtstaatliche Akteure und kriminelle Gruppen zunahmen. Die meisten der im Jahr 2025 getöteten Mitarbeiter humanitärer Organisationen wurden von den israelischen Streitkräften (IDF) im Gazastreifen getötet.
Im Sudan trieb der anhaltende schwere Konflikt die Zahl der Todesopfer das fünfte Jahr in Folge in die Höhe: Mit 71 getöteten humanitären Helfern – vor allem durch Kleinwaffenfeuer – wurde ein Rekordwert erreicht.
Während die Demokratische Republik Kongo den stärksten Anstieg gewalttätiger Vorfälle gegen humanitäre Helfer verzeichnete – die Zahl hat sich seit 2024 verdoppelt –, kam es auch in der Ukraine zu einem deutlichen Anstieg, der durch den Ausweitung des Drohnenkriegs angeheizt wurde.
Nach einem Rückgang im Jahr 2024 kehrte der Südsudan zu der hohen Zahl gewalttätiger Angriffe zurück, wie sie bereits 2021 und 2023 zu verzeichnen waren.
Zu den zehn gewalttätigsten Kontexten im Jahr 2025 zählten außerdem die Ukraine, Äthiopien, Syrien, Haiti, der Tschad und Kamerun, wo Entführungen und Luftangriffe stark zunahmen.
Derweil entfielen 75 Prozent der staatlichen Inhaftierungen und Festnahmen von Hilfskräften auf den Jemen, den Südsudan, die Demokratische Republik Kongo, Myanmar und die besetzten palästinensischen Gebiete (OPT). Allein auf den Jemen entfiel ein Drittel aller im Jahr 2025 inhaftierten Hilfskräfte.
Angriffe auf humanitäre Helfer, deren Einrichtungen und Einsätze verstoßen gegen das humanitäre Völkerrecht und untergraben die Lebensadern, die Millionen von Menschen in Kriegs- und Katastrophengebieten am Leben erhalten. Die gezielte Bekämpfung dieser Personen und Einsätze stellt ein Kriegsverbrechen dar.
Im Mai 2024 hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 2730 verabschiedet, in der die Verpflichtung der Konfliktparteien und der UN-Mitgliedstaaten zum Schutz humanitären Personals bekräftigt wurde. Die Resolution forderte zudem unabhängige Untersuchungen der Verstöße. Dennoch ist Straflosigkeit nach wie vor weit verbreitet, und es fehlt an Rechenschaftspflicht.
In den ersten acht Monaten des Jahres 2026 gab es keine Anzeichen dafür, dass dieser beunruhigende Trend ein Ende finden könnte. Bislang wurden weltweit 82 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen getötet, 97 verletzt und 39 entführt.
Besonders Sorge bereitet die Verbreitung kostengünstiger, anpassungsfähiger bewaffneter Drohnen, die tödliche Gewalt in die Hände von mehr Menschen legen und Sprengwaffen in Städte und Ortschaften schleusen.
„Bewaffnete Drohnen sind zum neuen Gesicht einer alten Gefahr geworden: der vorsätzlichen oder rücksichtslosen Zerstörung zivilen Lebens“, sagte Fletcher.
„Die Technologie mag sich ändern, die Gesetze des Krieges jedoch nicht.“
Im Sudan verursachten bewaffnete Drohnen in den ersten vier Monaten des Jahres 80 Prozent der zivilen Todesopfer, indem sie Märkte und Gesundheitseinrichtungen trafen.
In der Ukraine töteten Drohnen allein im April dieses Jahres 80 Zivilisten. In Russland wurden Zivilisten getötet und zivile Infrastruktur durch Drohnenangriffe beschädigt.
In Kolumbien haben sich die Angriffe mit bewaffneten Drohnen zwischen 2024 und 2025 vervierfacht.
Humanitäre Helfer geraten zunehmend ins Fadenkreuz bewaffneter Drohnen. Im März dieses Jahres wurde beispielsweise ein Helfer bei einem Drohnenangriff auf ein Wohnhaus in der DR Kongo getötet. Allein in einer Woche im Mai wurden in der Ukraine vier humanitäre Konvois angegriffen.
Am Welttag der humanitären Hilfe gedenken Helfer und ihre Unterstützer der Getöteten und bekunden ihre Solidarität mit denen, die sich für Menschen in Not einsetzen. Sie fordern dringenden Schutz für Zivilisten und humanitäre Hilfsmaßnahmen.
Die diesjährige weltweite Kampagne unter dem Motto „Handeln für die Menschlichkeit“ rückt durch Interviews mit den Angehörigen getöteter Helfer deren Schicksal in den Mittelpunkt. OCHA betonte, dass hinter jeder Statistik eine Familie steht, deren Welt aus den Fugen geraten ist.
Die neuesten verifizierten Opferzahlen basieren auf Daten aus der „Aid Worker Security Database“. Seit ihrer Einrichtung im Jahr 2005 erfasst die Datenbank schwerwiegende Gewalttaten gegen Helfer, wobei die Berichte bis ins Jahr 1997 zurückreichen. Die Datenbank ist ein Projekt von Humanitarian Outcomes, ein in London ansässiges Team von Fachberatern, das humanitäre Hilfsorganisationen und Geberregierungen mit Forschungsergebnissen und politischer Beratung unterstützt.
Weitere Informationen
Website: Aid Worker Security Database (AWSD) (in Englisch)
https://www.aidworkersecurity.org
Volltext: Aid Worker Security Report 2026 – Wenn der Staat die Bedrohung ist: Inhaftierungen von humanitären Helfern, Humanitarian Outcomes, Bericht, veröffentlicht im August 2026 (in Englisch)
https://humanitarianoutcomes.org/AWSR_2026
Website: Welttag der humanitären Hilfe (in Englisch)
https://www.worldhumanitarianday.org/